Weihnachtsfest im Jahr 1931 in Nieder-Liebersbach

WNOZ © Odenwälder Zeitung | Region | 24.12.2019 /17.12.2019

Zeitzeugnisse schildern das Weihnachtsfest im Jahr 1931 in Nieder-Liebersbach aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln

Nieder-Liebersbach: Der Zufall wollte es, dass sich zwei Zeitzeugnisse in Nieder-Liebersbach über das Weihnachtsfest im Jahr 1931 erhalten haben. Und zwar aus ganz verschiedenen Blickwinkeln, einmal über christliche Nächstenliebe, zum anderen gewährt eine Postkarte Einblick auf das Weihnachtsfest einer „normalen“ Familie.

„Wir gingen zu armen Familien“

Dr. Otto Wagner, der am 17. Juni 2009 im gesegneten Alter von 96 Jahren in Bensheim verstarb, erinnerte sich an seine Zeit in Nieder-Liebersbach:

„Ein großes Hilfswerk für die Dorfdamen gab es zu Weihnachten 1931 und 1932 und zu Ostern 1932. Die beiden Frauen, die das leisteten, waren Gretel Lennert von der Insel und Agnes Arnold (Bäckers Agnes). Die eine besorgte die Stoffe, die andere verarbeitete diese zu Wäsche und Kleidungsstücken. An Heiligabend gingen wir (Gretel Lennert als Christkind verkleidet, die anderen als Bensenickel), einmal war auch mein Bruder Hans dabei, über die Wiese am Kinderheim ins Dorf zu armen Familien und verteilten die Gaben, dabei waren auch Lebensmittel. Wir sahen dabei die bedrückende Armut, vor allem auf der Kühruh bei Familie Brenneis, eine Frau mit mehreren kleinen Kindern und ihren seit Jahren unheilbar kranken Mann (später hatten wir Verständnis dafür, dass sie in dieser Lage verzweifelte).“

„Wie haben sich die Kinder gefreut“

Georg Kadel schrieb am 25. Dezember 1931 eine Postkarte an Frau Margaret Andres, die in der Nähe von Mainz wohnte:

„Werte Frau Andres, vielen Dank für ihre Weihnachtskarte. Wir hätten nur gewünscht, Sie wären gestern Abend hier gewesen, als das Christkind kam. Wie haben sich da die Kinder gefreut. Paula hat schon lange vorher sich einen Puppenwagen bestellt und das Christkind hat auch einen gebracht mit einer großen Puppe drin. Außerdem bekam sie noch ein Paar Schuhe, Strümpfe und einen Unterrock. Karlchen erhielt ein großes Schaukelpferd, einen Bauernhof mit allerhand Tieren und einen Musikkreisel, letzterer macht ihm viel Spaß. Auch mein Bruder hat beide Kinder beschenkt. Paula bekam ein Kleid und Karl ein Paar Strümpfe. Sie werden also sehen, dass beide Kinder auch eine Freude haben. Hoffentlich haben Sie auch frohe Feiertage und ein glückliches Neues Jahr. Viele Grüße, Familie Kadel und Kinder.“

Welcher Gegensatz zu Weihnachtsfesten im 21. Jahrhundert, die schon im September mit Lebkuchen beginnen und in einer wilden Umtauschaktion Anfang Januar enden.
Von Günter Körner

WeihnPostkarte 1931

Eine Postkarte aus dem Jahr 1931 schildert das Weihnachtsfest einer Familie in Nieder-Liebersbach. Bild: Günter Körner