Religiöse Verhältnisse bis 1802

Die in Nieder-Liebersbach lebenden Menschen feierten über Jahrhunderte vor der Reformation den Gottesdienst in Birkenau. Nachdem in Birkenau die Landschade von Steinach 1522 den evangelischen Glauben eingeführt hatten, schlossen sich auch die Nieder-Liebersbacher an. Dies blieb so bis 1671. Diese örtlichen Gegebenheiten widersprachen den Herrschaftsverhältnissen. Nieder-Liebersbach war 1/3 den Birkenauer Ortsherren und zu 2/3 dem katholischen Kurmainz untertan. Demnach hätten 2/3 der Einwohner katholischen, 1/3 evangelischen Glaubens sein müssen. Die erhaltenen Archivalien belegen jedoch, dass die Einwohner ausschließlich ev. Glaubens waren.

Auf Anweisung des Oberamtes Heppenheim sollte dies ab dem Jahre 1671 geändert werden. Der Mörlenbacher Pfarrer Johann Martin Krumbein, (ab 1662 wohnten die Mörlenbacher Pfarrer in Fürth), versuchte unter Androhung von drastischen Strafen die Nieder-Liebersbacher in die Kirche nach Mörlenbach „zu zwingen“, wie es heißt. Ansatzpunkte boten sog. „vermischte Ehen“, also Partner unterschiedlichen Glaubens. In der Folgezeit entspann sich ein konträr geführter Schriftverkehr zwischen dem Birkenauer Ortsherrn von Bohn einerseits und dem Fürther Zentschultheißen und dem Oberamt Heppenheim andererseits über dieses damals brisante Thema.

Die Bestrebungen, dem katholischen Glauben zur Geltung zu verhelfen, hielten über Jahrzehnte an. Der Nieder-Liebersbacher Schultheiß Hans Kopff war um 1670 weder zur Prozessionen viel weniger zum Gottesdienst erschienen. Wegen dieser Halsstarrigkeit verhängte das Oberamt Heppenheim eine Geldstrafe von 20 Gulden. Dem ev. Birkenauer Pfarrer Nikolaus Dentzer drohte man, falls er in Nieder-Liebersbach erscheinen sollte, gar Prügel an. Auch die Sakramente der Taufe, Eheschließung sollten, wenn immer möglich, durch den katholischen Pfarrer durchgeführt werden.

Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, waren der Abtsteinacher Pfarrer Johann Gerhard Bösen (Birkenau und Nieder-Liebersbach wurden wahrscheinlich ab 1676 von Abtsteinach aus betreut) und der Fürther Zentgraf Heinrich Anton Bösen verwandt. Nach einer Prozession der Katholiken auf den Heiligenberg bei Ober-Laudenbach kam es bei deren Rückkunft in Birkenau mit Billigung des kath. Pfarrers Bösen zu regelrechten „Jagdszenen“ auf evangelische Gemeindsleute. Offenbar hatte der evangelische Birkenauer Pfarrer vor dieser Prozession gegen die Katholiken von der Kanzel „geschmäht“. Diese Streitereien, die noch mehrfach dokumentiert sind, hielten bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit unterschiedlicher Intensität an. Doch schienen die Nieder-Liebersbacher standhaft am ev. Glauben festgehalten zu haben.

Dabei hatte der jeweilige ev. Birkenauer Pfarrer gegenüber seinem kath. Amtskollegen einen entscheidenden Vorteil, nämlich den der örtlichen Nähe. Der Abtsteinacher Pfarrer hatte bis nach Birkenau einen Fußweg von etwa 2 Stunden, nach Nieder-Liebersbach war der Weg entsprechend länger. Darüber hinaus hatte er u. a. Aschbach, die 9 Höfe bei Wald-Michelbach, Gorxheim, Trösel, Löhrbach, Birkenau und Nieder-Lierbersbach neben der Mutterkirche Abtsteinach seelsorgerisch zu betreuen. Der ev. Birkenauer Pfarrer konnte so je nach Situation also „schneller reagieren“.

Um 1710 hatte der Birkenauer Ortsherr Johann Philipp von Bohn von den Birkenauern neue „Gerechtigkeiten“ und Abgaben verlangt, mit dem Ziel, seine desolate finanzielle Situation zu verbessern. Gegen solche Begehrlichkeiten wehrten sich die Birkenauer heftig, so dass 1711 schließlich eine Mainzer Schiedskommission über Wochen vor Ort war, die mehr als angespannte Situation zu entschärfen. Dabei kamen auch die konfessionellen Streitereien zwischen den beiden großen Konfessionen zur Sprache. In Bezug auf die vorgekommenen Differenzen äußerte sich die Schiedskommission: „Klagte der katholische Pfarrer (= Abtsteinacher Pfarrer), dass ihm der lutherische in Actibus parochialibus (= kirchliche Amtshandlungen, wie Taufe, Eheschließungen) Eingriffe täte. Referenten haben sich über die hergebrachte Observanz informiert und befunden, dass wann der Mann katholisch die Kopulation der katholische, wann er aber lutherisch, solche der lutherische Pfarrer verrichtet habe, in Taufen die Söhne des Vaters und die Töchter der Mutter Religion nach getauft worden, sonst hätte jeder Pfarrer seine Religionsgenossen zu versehen und zu begraben, wobei es dabei zu belassen wäre“.

Trotz dieser Klarstellung kam es immer wieder zu gegenseitigen Schuldzuweisungen, so etwa 1718 als sich der Abtsteinacher Pfarrer Spangenberger über Nieder-Liebersbach äußerte:

„Zu Unter-Liebersbach hat gedachter Herr Pfarrer (= ev. Birkenauer Pfarrer Johann Heinrich Hallenbauer):

  1. Dem Hans Stephan, welcher lutherisch, die Frau katholisch, eine Tochter von ungefähr 5 Jahren getauft
  2. Dem Peter Ziegler, so lutherisch, die Frau katholisch, unlängst eine Tochter getauft, item bei meinem Herrn Vorfahrer selig, vor ungefähr 5 Jahren eine Tochter getauft, auch wiederum begraben
  3. Ist Daniel Bischofs, reformierter Religion, ohne erhaltenen oberamtlichen Konsens und Proklamation mit einer lutherischen Person verwichenes Jahr von vielgedachten lutherischen Pfarrer kopuliert und dann ihm jüngsthin eine Tochter von ihm getauft worden.“

Zu der konfessionellen Verhältnissen in Nieder-Liebersbach machte der …. Spangenberger 1718 folgende Ausführungen: “ … und weilen Unter-Liebersbach eben sobald ganz lutherisch sein würde, wie Birkenau ist, sintemalen außer einigen wenigen Haushaltungen, kein einziges Haus vom Luthertum mehr sauber ist. So hat gedachter Freiherr von Bohn im Ort Nieder-Liebersbach die Einführung der katholischen Religion so wenig zulassen wollen, als er vielmehr verschiedene Hindernisse dagegen in den Weg gelegt … (und gegen den Schiedsspruch von 1711 verstoßen). Es wird mir ein großer Trost besonders für die armen katholischen Unter-Liebersbacher sein, so diese Sache glücklich ausgeht, wir hoffen, dass bald nebst der Jugend auch einige Alte sich zu unserer Religion bequemen werden, welche dies aus Furcht vor den Lutheranern bisher nicht getan.“

Der ev. Pfarrer Johann Heinrich Hallenbauer wehrte sich energisch gegen solche Vorwürfe. Bei einem Gespräch mit dem Pfarrer Spangenberger habe dieser geäußert, dass ihn der Schiedsspruch von 1711 nichts anginge, da ihm keine Kommission, sondern nur das Vikariat zu befehlen hätte. Trotz allem habe er versucht …“der Kommission Verordnung (= Schiedsspruch von 1711) nachzukommen und bei Taufen nicht nach dem Glauben des Hauptes der Familie zu gehen, sondern unlängst bei Geburt eines Töchterleins eine katholische Mutter an ihren Pfarrer gewiesen.“ Da diese seiner Ansicht nach korrekte Handlungsweise nicht honoriert wurde, hielt sich der ev. Birkenauer Pfarrer eben auch nicht an die bestehenden Verhaltensmaßregeln. Zu Nieder-Liebersbach ist folgende Bemerkung überliefert: “ … so bin ich nun bald 12 Jahre und meine Vorgänger, solang sie hier gestanden, in ruhiger Position gewesen und hat ungefähr vor 150 und etlichen Jahren kein katholischer Mann mehr in Liebersbach gewohnt, daher alle Aktus der hiesige lutherische Pfarrer selbst verrichtet.“

Näher soll auf dieses unerquickliche Hin und Her und dem sturen Beharren der Standpunkte nicht eingegangen werden. Einig waren sich beide Pfarrer nur in einem Punkt. Nieder-Liebersbach war seit Menschengedenken dem evangelischen Glauben zugetan und nur ganz allmählich (trotz des Drucks der von Mainzer Seite ausgeübt wurde) zogen Katholiken zu.

Am 23.10.1721 verstarb der Birkenauer Ortsherr Johann Philipp von Bohn als letzter männlicher Nachfahre seiner Familie. Dank einer vertraglichen Regelung fiel Birkenau und damit auch 1/3 Anteil an Nieder-Liebersbach wieder an die Familie Wambolt. Als sich Franz Philipp Kaspar Wambolt einen Monat später von seinen Untertanen huldigen ließ (die Liebersbacher legten statt eines Eides nur ein Handgelöbnis ab), war damit eine entscheidende Weichenstellung getan. Der neue Ortsherr war katholischen Glaubens, was für Nieder-Liebersbach von großer Bedeutung war. Der Zuzug und dauerhafte Ansiedlung von Katholiken wurde im Gegensatz zu früheren Zeiten nicht mit allen Mitteln verhindert, viel mehr gefördert. In dieser Beziehung zogen der Mainzer Landesherr mit dem Birkenauer Ortsherrn an einem Strang.

Als Philipp Kaspar Wambolt gar von 1739-47 Oberamtmann auf Starkenburg wurde, wurden zum Leidwesen der ev. Einwohner immer mehr Katholiken seßhaft. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass in diese Ägide der Bau der Nieder-Liebersbacher Kapelle fällt, die beim Bau der katholischen Kirche abgerissen wurde.

1740 macht der wamboltische Amtmann Leonhard Krauß den Vorschlag, die Birkenauer Katholiken statt vom Abtsteinacher vom Mörlenbacher Pfarrer betreuen zu lassen, da „diemalen die junge wie wilde Tiere auferzogen werdende Jugend in ihrem Glauben und Gottesfurcht in Zukunft besser fundieret werde… Wenn der Herr Pfarrer von Mörlenbach, als welcher bekanntermaßen nur ein kleines Stündlein von Birkenau gelegen als der weit und 2 gute Stund über Berg und Tal entlegene Herr Pfarrer von Abtsteinach..“  Dabei machte Amtmann Krauß Angaben über die Zahl der Katholiken in Nieder- Liebersbach: „Eheleut 41, Kinder 37, Dienstboten 24 (zus. 102 Personen)“. Zumindest die Zahl der „Dienstboten muß angezweifelt werden, da um 1760 die gleiche Zahl Katholiken genannt wird und gerade die katholischen Einwohner bitteram waren und sich bis auf wenige Ausnahmen keine Dienstboten leisten konnten. Am 28 April 1747 der Abtsteinacher Pfarrer Johannes Elbert verstorben war, machte der Amtmann erneut einen Vorstoß: „.. Anjetzo ist die beste Gelegenheit, dass Birkenau (und Nieder-Liebersbach) und der kath. Gottesdienst von der Pfarrei Abtsteinach zu der Pfarrei Mörlenbach wechselt“.

Durch diese Bestrebungen und den Versuch, in Birkenau einen katholischen Schultheißen zu ernennen, eskalierte die Situation. Es kam von 1748-56 zu heftigen religiös motivierten Unruhen, die an anderer Stelle ausführlich beschrieben sind. Daran änderte ein 1749 von der Ortsherrschaft initiierter Religionsvergleich zunächst nichts. Nach 1756 waren beide Seiten darauf bedacht, einen Art Burgfrieden zu halten, was jedoch nicht immer gelang.

1751 war es endlich so weit, für die Katholiken war der Pfarrer von Mörlenbach zuständig. Die Bezüge der Pfarrei Mörlenbach waren aus diesem Grunde aufgebessert worden, um einen Kaplan zur Unterstützung des Pfarrers zu halten. Dazu kam es jedoch nicht, da der Pfarrer die ihm gezahlten Zulagen als zu gering erachtete.

1760 fertigte die wamboltische Verwaltung eine detailliertes Verzeichnis der Nieder-Liebersbacher Katholiken, aus dem zu ersehen ist, dass unter den 25 katholischen Familien 14 „Taglöhner, arm“ waren. Weitere 4 Haushaltungen wurden ebenfalls als „arm“ eingestuft, so dass nur 7 Familien ein leidliches Auskommen hatten.

Der katholische Mörlenbacher Pfarrer von 1761-89 war Friedrich Kaspar Fuhrer, der mit rabiaten Methoden vorging. So war es einmal an Allerheiligen 1775 vorgekommen, dass er einen `lauen und kaltsinnigen ChristenA, den er nicht in der Kirche in Birkenau gesehen hatte, nach dem Gottesdienst zu Hause aufsuchte und ihm eine Ohrfeige gab. Eltern mußten ihre Kinder bei Wind und Wetter zur Kindtaufe nach Mörlenbach tragen. 1772 hatte er eine Bettlerin, die vor Weihnachten in Birkenau auf offener Straße verstarb und zuvor in Mörlenbach unter freiem Himmel lag, zwar „mit allen Sakramenten versehen“, die arme Frau mit ihrem Kind allen christlichen Empfindungen entgegen aber bei kaltem Regenwetter einfach auf der Straße liegen lassen. Damit soll angedeutet werden, dass dieser Pfarrer, wenn er schon mit Glaubensgenossen nicht gerade zimperlich umsprang, im Umgang mit dem ev. Pfarrer bzw. Bevölkerung das notwendige Fingerspitzengefühl vermissen ließ. So nimmt es nicht Wunder, dass es wieder zu Aufgeregtheiten und Streitereien kam, was einen erneuten Religionsvergleich im Jahre 1793 erforderlich machte, der erstmals die Gründung einer eigenen katholischen Birkenauer Pfarrei vorsah. Dies dauerte hauptsächlich aus finanziellen Gründen bis 1802. Erst mit dem Bau einer eigenen katholischen Birkenauer Kirche 1819 kehrte Frieden zwischen den beiden Konfessionen ein.

Name Vater Mutter Söhne Töchter Knecht Magd Kommunikanten zus. Vermögen
Eck, Andreas, Schultheiß 1 1 1 3 3 im Auszug
Schmitt, Adam 1 1 3 5 5 Bauerngut
Eck, Franz, Witwe 1 1 2 2 W. im Auszug u. Hebamme
Köbel, Johannes 1 1 2 2 Taglöhner, arm
Köbel, Johann Adam 1 1 2 2 1 5 7 Bauerngut
Köbel, Hans-Jörg 1 1 2 2 4 Schneider, arm
Köbel, Gertraud, Witwe 1 1 2 2 arm
Mülbert, Martin 1 1 2 2 Taglöhner, arm
Mülbert, Ulrich 1 1 1 1 3 4 Taglöhner, arm
Gräber, Hans Adam 1 2 1 3 Taglöhner, arm
Ritter, Georg 1 1 2 1 1 3 6 Taglöhner, arm
Klein, Johannes 1 1 3 3 5 Taglöhner, arm
Strubel, Johannes 1 1 2 2 Taglöhner, arm
Lannert, Peter 1 1 5 3 4 10 Taglöhner, arm
Fath, Marg., Witwe 1 1 2 2 im Auszug
Fath, Jakob 1 1 4 1 4 7 Taglöhner, arm
Müller, Sebastian 1 1 1 3 3 Taglöhner, arm
Behilff, Michel 1 1 1 2 3 5 Taglöhner, arm
Maurer, Johannes 1 1 1 1 1 5 5 Bauerngut
Köbel, Jakob 1 1 1 1 2 4 Taglöhner, arm
Erhart, Martin 1 1 2 2 Taglöhner, arm
Helfmann, Hans Michel 1 1 1 2 3 Taglöhner, arm
Bitsch, Johannes 1 1 1 3 3 Schreiner, arm
Jöst, Andreas 1 1 1 1 1 1 4 6 Müller, arm
Falter, Hans Adam 1 1 1 1 3 4 Bauerngut
gesamt: 22 22 21 25 5 6 72 101

Günter Körner 4.6.2015