Erinnerungen von Dr. Otto Wagner

Erinnerungen aus dem Leben in Nieder-Liebersbach

Nach dem ersten Weltkrieg hatte das Dorf etwa 640 Einwohner. Über Jahrhunderte waren 2/3 katholisch und 1/3 evangelisch; da diese keinen Gottesdienstraum hatten, gab es für dieses Bekenntnis kaum örtliche Veranstaltungen.

Das Dorf, es galt als eins der ärmsten im vordersten Odenwald, etwa 10-12 Bauernhöfe hatten mehr als 10 Morgen Gelände, von dem die Besitzer, manche sehr kümmerlich, leben konnten.

Die anderen Anwesen konnten ihre Besitzer mit Familien nicht ernähren; im Stall standen oft nur eine Kuh oder einige Ziegen; der Familienvater ging zur Arbeit, meistens nach Weinheim (Freudenberg, Leinenkugel) oder in den Steinbruch. Nebenher verdingten sich die Frauen zu bestimmten Jahreszeiten als Tagelöhnerin. So auch die taubstumme Kathrin aus der Familie gegenüber dem Gasthaus Rose; sie konnte bei der Unterhaltung gut vom Mund ablesen, und wer öfter Umgang mit ihr hatte, verstand ihre Zeichensprache recht gut.

Zu jedem Bauernwagen gehörte 3fache Ausstattung, als Kastenwagen, Mistwagen oder Heu­wagen (mit Leitern).

Die Gailsbauern (zunächst nur Stäckler, Unrath, Arnold, Fath) wurden zu schweren Arbeiten angemietet: wie Fuhren mit Steinen, Holz aus dem Wald, Umbrechen von Feldern mit „Ewigen Klee“ (Luzerne).

Die Gemeinde unterhielt als Vatertiere einige Bullen und einen Eber, für Ziegen behalfen sich die Halter im eigenen Stall oder bei einem Bekannten. Die Pferde wurden in das Gestüt nach Lörzenbach gebracht.

Anfangs der 20er Jahre wütete im Weschnitztal die Maul- und Klauenseuche, auch im Dorf verendeten viele Tiere, die im „Schinnwesem“ (am alten Weg nach Balzenbach links in Richtung Waldner Turm) vergraben wurden.

In der Lang lagen die Flurstücke, die immer für ein paar Jahre als Allmende an die Bürger vergeben wurden. Die Bauern versammelten sich dort, und je nach Bürgeralter durften die einzelnen sich ihr Stück auswählen, das sog. Wettrennen: auch der erste Lehrer bekam ein Stück, das er nicht selbst bewirtschaftete, sondern verpachtete.

Im Dorf arbeiteten einige als Konfektionsschneider, die die zugeschnittenen Anzugsteile in Weinheim abholten und die genähten Jacken und Hosen dort wieder ablieferten.

Vier Gastwirtschaften gab es im Dorf: Zur Krone, Zur Rose, Zum Deutschen Haus, Zum Pflug, dazu noch im Steinbruch. In der Rose war der erste und lange Jahre der einzige Fernsprecher im Dorf: die Leitung lief von Birkenau über hohe Stangen entlang der Straße.

Bis auf das Deutsche Haus hatte jede eine Kegelbahn. Sonntags mittags und meist noch einmal in der Woche gingen die Männer in die Wirtschaft; dort wurde Karte gespielt; Kreuz solo, Herz Karte, Franz zu Fuß; deutsche Karten wurden kaum verwendet.

Alljährlich im Winter führte der Turnverein im Deutschen Haus ein Theaterstück mit lustigem Inhalt auf. Einmal hatte die jüngste Schwester meiner Mutter die Hauptrolle: Ein Mädchen, das aus irgendeinem Grund nicht sprechen durfte. Mit allerlei Tricks wurde versucht, sie zum Sprechen zu bringen, was nicht gelang, so gab es einen versöhnlichen Abschluss.

Auch an Sylvester gingen die Männer aus. Gegen Mitternacht machten sich die Burschen in Gruppen auf den Weg, um ihrer Mutter ein Ständchen zu bringen: „Wenn du noch eine Mutter hast, so danke Gott und halte sie in Ehren.“ Im Haus wartete die Mutter schon mit feuchten Augen auf den Besuch, lud die Sänger ein und bewirtete sie.

Tanzmusik war an Kerwe, meist nur in 1 oder 2 Lokalen. An Christi Himmelfahrt war Musik auf der Juhöhe, von wo die Teilnehmer oft im Gewitterregen nach Hause gehen mussten.

Für die Kinder gab es an Kerwe eine Reitschule, die früher im Hof Eck neben der Rose stand: sie hatte keinen eigenen Antrieb, sondern wurde in Innenraum angeschoben, lief sie, durften sich die Buben auch darauf setzen.

Die Post wurde vom „Briefbott“ Lieberknecht aus Birkenau auf seiner täglichen Tour Nieder-Liebersbach – Reisen – Hornbach zugestellt. Päckchen und Pakete hatte er an seinem Fahrrad hängen. An bestimmten Stellen im Dorf rief er mit der Trillerpfeife die Anwohner herbei, damit sie ihre Sendungen abholen oder Briefmarken kauften und ihre Briefe abgeben konnten.

Einige alleinstehende Leute fristeten ein armseliges Dasein. Allerdings gab es auch viel Nachbarschaftshilfe, vor allem zu Festen oder wenn im Winter geschlachtet wurde, bekamen nicht nur die Nachbarn, sondern auch arme Leute Metzel- oder Wurstsuppe mit Fleisch- oder Wursteinlage.

Kinder durften beim Töten der Tiere nicht zugegen sein, das war zu grausam. Durch Schläge mit der Axt wurde das Schwein bewusstlos gemacht, dann wurde die Halsschlagader angestochen und das Blut aufgefangen.

Ein großes Hilfswerk für die Dorfarmen gab es zu Weihnachten 1931 und 32 und zu Ostern 1932. Die beiden Frauen, die das leisteten, waren Gretel Lennert von der Insel und Agnes Arnold (Bäckers Agnes). Die eine besorgte Stoffe, die andere verarbeitete diese zu Wäsche und Kleidungsstücken. An Heiligabend gingen wir (Gretel Lennert als Christkind verkleidet, die anderen als Bensenickel – einmal war auch mein Bruder Hans dabei – über die Wiese am Kinderheim ins Dorf zu armen Familien und verteilten die Gaben, dabei waren auch Lebensmittel. Wir sahen dabei die bedrückende Armut, vor allem auf der Kühruh bei Familie Brenneis eine Frau mit mehreren kleinen Kindern und ihren seit Jahren unheilbar kranken Mann (später hatten wir Verständnis dafür, dass sie in dieser Lage verzweifelte).

Zu Ostern mussten wir etwas später gehen, weil es länger hell war. Dabei hatten wir Hasenmasken über den Kopf gestülpt. Wenn wir uns an der Tür als Osterhasen meldeten, gab es oft unwillige Antwort von drinnen, weil sich die Bewohner verulkt fühlten.

Im allgemeinen fanden sich auf dem Gabentisch zu Weihnachten Dinge, die sowieso gebraucht wurden, wie gestrickte Strümpfe, dazu noch etwa „Gutsel“, einige Äpfel und vielleicht für jeden Buben ein gebackener Hase, für Mädchen eine gebackene Puppe.

Im Alltag wurde kein Hochdeutsch gesprochen, die übliche Umgangsprache, die sich in Feinheiten von der in Nachbardörfern unterschied, war von Fremden kaum zu verstehen. Hinzu kamen noch Schwierigkeiten mit Fremdwörtern. Hier ein Beispiel: Anfang der 1920er Jahre arbeitete meine Mutter während einer Sonnenfinsternis im Garten, als ein Nachbar sein Grundstück aufsuchte mit den Worten: „Allweil werd die Temberadur wier (wieder) heller.“

Hier noch eine Geschichte eingefügt, die mir der „Lange Jörg“ (Georg Kadel gegenüber der Kirche) erzählt hat (die Namen der Beteiligten sind mir nicht genau bekannt). Um 1931 im September ging in Nächstenbach (zwischen Balzenbach und Ober-Laudenbach) der Bauer vom unteren Hof zu seinem Nachbarn, um noch etwas zu plaudern. Als er über den Hof ging, sah er noch Licht im Kuhstall, öffnete die Obertür zum Stall und sah, wie der Nachbar mit der „Ebbelbrech“ (Stange mit einem Säckchen am Ende, um schwer erreichbare Äpfel oder Birnen zu pflücken) an den Kühen hantierte. Neugierig ging er zur Bäuerin und fragte, was denn los sei. Die erklärte, ihr Mann mache jetzt den Kirchendiener und übe für den Klingelbeutel.

Das erste Fahrrad im Dorf hatte der Mülberts Peter (seine Frau hatte einen Spezereiladen an der Insel), es hatte eine größeres Vorderrad mit Pedalen an der Achse und ein kleines Rad unter dem Sattel.

Samstags ging der Metzgers Hannes (Johann Schmitt) durchs Dorf und rasierte den Männern den Wochenbart; als Metzger hatte er dazu gewiss keine leichte Hand.

Weitere Spezereiladen unterhielten der „Schnapsonkel“ (Lennert) schräg gegenüber der Kirche, später neben der Kirche, die „Jede“ (Jecke ?) MarieA (Frau des Schreiners Schmitt) an der Ecke zum Reisener Weg. Zeitweilig gab es ein solches Geschäft auch im Unterdorf an der Ecke zum Weg in die Lang.

Die Feuerwehr übte in der hellen Jahreszeit sonntags um 6 Uhr neben der Gerätehalle an der Schule. Größere Brände gab es im Dorf vermutlich während des 1. Weltkriegs beim Lennertsschneider auf der Insel, nach dem Krieg im letzten Anwesen rechts hinten in der Vorstadt, später beim Schmied Geiß neben der Insel; als dort eine Holztreppe, die auf den oberen Boden der Schmiede führte, nicht brennen wollte, half der Geiße Jakob mit einem Strohballen nach.

An der Gemarkungsgrenze auf dem Weg nach Ober-Liebersbach war ein Lagerplatz für Fahrendes Volk – aber jeweils nur für drei Tage, dann wurden die Leute vom Polizeidiener Maurer (in Uniform mit Säbel) des Dorfes verwiesen. Ging es ihm nicht schnell genug. Marschierte er nebenher und rief: „Allez, vorou jetz!“

Er war eine wichtige Amtsperson mit vielfältigen Aufgaben:

– überwachen, dass die Anwohner samstags die Straße reinigten

– In den Wirtshäusern Feierabend bieten

– Dienstpost austragen

– Mit der Ortsschelle durch das Dorf gehen und an bestimmten Plätzen die amtlichen Bekanntmachungen verkünden („Es wird bekannt gemacht …“)

– u. a. m.

Bäcker Arnold war ein angesehener redlicher Mann. Im I. Krieg mussten, um das Mehl zu strecken, Zutaten verarbeitet werden. Kontrolliert wurde durch den überörtlichen Polizeibeamten aus Birkenau. Der kam aus der Backstube vorwurfsvoll zu meiner Mutter, der Vater habe auf seine betreffende Frage, anstatt Ja zu sagen, geantwortet, das könnte man den Menschen nicht antun. Die Bäckerei wurde für drei Tage geschlossen – aber am folgenden schon wieder geöffnet, weil es die einzige im Dorf war.

Schule:

Hierüber ist ausführlich in dem Abschnitt Allgemeine Geschichte durch Pfarrer Sulzbach berichtet. Noch etwas zur Ergänzung.

In der sog. kleinen Schule standen die Bänke (Sechssitzer) quer durch den Raum, so dass die rechts am Rand sitzenden, wenn sie herausgerufen wurden, zunächst über andere herumsteigen mußten. Einige Aufregung gab es nicht nur in der Schule, sondern im ganzen Darf am 21.9.1921 durch die große Explosion in Oppau. Die Kinder stürzten aus der Schule, im Haus gegenüber (Kadels Michel) war wie auch anderwärts im Dorf eine Fensterscheibe zersprungen. Was wirklich geschehen war, erfuhr man damals nicht so rasch wie heute.

In unserem 1. Schuljahr starb eine Mitschülerin (Maria Eck) an einer ansteckenden Krankheit. Unser Jahrgang nahm geschlossen an der Beerdigung teil und marschierte dann so auch vom Friedhof wieder zurück in die Schule. Im selben Schuljahr erkrankte ich an Masern, weshalb wegen der Ansteckungsgefahr der Unterricht für alle Jahrgänge ausfiel.

In unsere Schule kamen auch die Kinder aus Balzenbach, was die von Ober-Liebersbach (außer denen von der Kühruh) ablehnten. Ebensowenig gelang 1925 die Zuweisung zur verselbständigten Pfarrei Nieder-Liebersbach, man wollte bei Mörlenbach verbleiben.

Zu Ostern 1921 wurden alle drei Lehrer versetzt. Lehrer Wagner nach Heppenheim (Nachfolger Lehrer Simon Unter-Schönmattenwag), Lehrer Klöppel nach Büttelborn (Nachfolger Lehrer Kadel aus Reisen), Lehrer Toussaint nach Viernheim (Nachfolger Kohl aus dem Dorf). Beim Umzug von Lehrer Klöppel gab es Schwierigkeiten: In dem aufgeweichten Schulhof sank der Möbelwagen so tief ein, dass 2 Pferde als Vorspann gesucht werden mussten.

Kinderspiele waren Himmel und Hölle (auf die Erde Figuren gemalt, über die man gehen musste, ohne die Trennstriche zu berühren, dann springen, hüpfen, hickeln, dann mit einer Scherbe auf dem ausgestreckten Daumen, Scherbe auf dem Kopf, abschließend jede Bewegung mit geschlossenen Augen. Nach jeder Bewegung wurde gefragt „Bin ich ?“ Bei Schnee wurde hinter dem vorderen Anwesen Kohl in der Hintergasse gerodelt. Benutzt wurde von den meisten ein sog. Rutscher, der aussah wie eine Kiste ohne Boden mit vorn abgerundeten Seitenteilen.

Wenn der Boden entsprechend feucht war, rutschten die Kinder auf einem Bein (Absatz) die Wiese auf dem Hügel zum Bach hinab. Folge schmutziger Hosenboden.

Ferner gab es Fangsches, Suchsesch (Versteckelsches), Schlagball (für Buben) und Reigenspiele (für Mädchen). An Ostern gingen viele Kinder mit ihren gefärbten Eiern auf eine Wiese hinter der Froschgasse zum Eierwerfen oder Eierstippen (die Eier wurden mit den Spitzen gegeneinander gestoßen, das dabei zerbrochene Ei gewann der Gegenpartner, manche mogelten mit Gipseiern).

Zusätzliche kirchliche Feiertage waren am 24. Juni (Ortspatron Johannes der Täufer) und am 30. Oktober (Kirchenpatron Wendelinus). Zu diesen Festen kamen noch der Pfarrer von Mörlenbach und von Fürth oder Wald-Michelbach zum feierlichen Levitenamt (dreispänniges Amt).

Am Hagelfeiertag (Montag vor Christi Himmelfahrt) zog die Pfarrei Birkenau über den Tannenbuckel und die Reisener Höhe, wo sie von den Liebesbachern erwartet wurde, in unsere Kirche, dort war die Predigt, dann gemeinsame Prozession nach Birkenau zum Amt als Abschluss.

Im Sommer gab es 2 Wochen Ferien -bei der Getreideernte konnten Kinder nicht viel helfen, höchstens Stricke legen oder Ähren lesen- dafür im Herbst 4 Wochen, denn bei der Ernte von Kartoffeln und Rüben wurden auch Kinder herangezogen.

Als Getreide wurde Roggen, Weizen (nur wenig), Hafer, Winter- und Sommergerste, und Gemischtes (Roggen und Spelz) angebaut.

Während der badischen Sommerferien kamen viele Kinder aus der Weinheimer Pfarrei zu Fuß nach Liebersbach, wo sie den Tag über betreut und auch verköstigt wurden; Köchin war die Grünige Agnes (Schwester des Bürgermeisters Emig).

Die ärztliche Versorgung im unteren Weschnitztal leistete Doktor Stöhr von Birkenau. Er kam zu Pferd oder in der Kutsche, später mit einem Auto. Er war nicht nur fachlich, sondern auch menschlich sehr angesehen. In Nieder-Liebersbach verwendete er 1913 in seiner beruflichen Tätigkeit bei einer Entbindung erstmals eine Geburtszange, offensichtlich mit besonderem Erfolg, denn das Kind kam ohne körperliche oder geistige Beeinträchtigung zur Welt.

Dr. Stöhr behandelte oft arme Leute , die keiner Kasse angehörten, umsonst. Nach seinem Tod ließen die Erben durch Lehrer Wenicker nachträglich welche schreiben, was jedoch außer Ärger nichts einbrachte.

Die Männer des Kriegervereins marschierten am Totengedenktag zum Ehrenmal an der Linde, wo der Vorsitzende Michael Kadel eine Ansprache hielt. Einmal blieb er dabei stecken, er wusste nicht mehr weiter. Seine Frau, das Liesche, verfolgte das am Fenster und ärgerte sich, als er seine Ansprüche unterbrechen mußte: „Ich waaß gar net, warum der henge bleibt, dehhaam hodders doch sou gut gekennt.“

Heiraten war ein besonderes Fest für die weitläufige Verwandtschaft und Bekanntschaft. Das von den Brauteltern ausgerichtet wurde. Größere Bauern schlachteten eigens dafür ein Schwein oder gar ein Kalb oder ein Rind. Manchmal wurde die Scheuer als Raum fürs Tanzen hergerichtet. Bei der Hochzeit von Lehrer Kuhn-Birkenau in Kallstadt gab es als Nachtisch Eis. Eine alte Frau versuchte die neuartige Süßigkeit und sagte: „Möie dou mer des noch es bissel wärme.“

Der Hochzeitszug wurde auf dem Rückweg von der Kirche mit Knallkorken begrüßt und mit einem Seil gehemmt. Dann musste der Bräutigam Geldstücke auswerfen.

Groß war auch die Teilnahme an Beerdigungen. Die immer von Sterbehaus ausgingen. Oft reichte der Zug vom letzten Haus am Dorf bis zum Friedhof. Gefahren hat den Totenwagen der Bauer Arnold mit seinen Pferden. Nach der Beerdigung bekamen der Pfarrer, der Lehrer und der Sargträger einen kleinen Rosmarienzweig ausgehändigt.

Alle Teilnehmer wurden meist im Gasthaus Zur Rose mit Kaffee und Spitzweck bewirtet, der sog. Flannerts. Dabei soll oft auch schon über einen Ehepartner für Witwer oder Witwe gesprochen worden sein.

Auf den Tafeln des Ehremals heute auf dem Friedhof, früher auf der Insel, sind die Gefallenen des 1. Weltkriegs und die Gefallenen für den 2. Weltkrieg verzeichnet. 1914/18 gab der Bürgermeister die Meldung von Gefallenen an die Pfarrer weiter, die dann die Angehörigen aufsuchten: deshalb wurden sie in jener Zeit oft mit Sorge und Angst gesehen, wenn sie durch das Dorf gingen. Im zweiten Krieg kam an deren Stelle ein Amtsträger der NSDAP.

Pfarrer Müller genoss als Prediger und überhaupt menschlich großes Ansehen in der Gemeinde. Er verstand es gut, mit einfachen Menschen umzugehen und Notleidenden beizustehen. Wenn Männer auf der Straße mit Erdarbeiten beschäftigt waren, griff er oft zu Schippe oder Hacke und reihte sich in die Arbeitskolonne ein. In den 30er Jahren sollte er eine überregionale Aufgabe als Arbeiterpriester übernehmen, doch die NS ließen die bischöfliche Behörde in Mainz wissen, dann werde er sofort wegen seiner vielfältig dargestellten Ablehnung der neuen Regierung verhaftet. Nach dem Krieg war er gesundheitlich so angeschlagen, dass er nicht ehr zusätzlich belastbar war.

Er hatte sich besondere Verdienste um den Frieden in der Gemeinde erworben. Um nach dem politischen Umsturz 1933 zu verhindern, dass die Anhänger der NS-Partei alle Macht im Dorf übernahmen, beschwor er -zusammen mit meinem Vater- Bürgermeister Emig, der wirklich kein Anhänger der neuen Lehre war, in die NS-Partei einzutreten, damit er der Gemeinde als Bürgermeister erhalten bliebe. Wenn einem NS-Gegner Gefahr drohte, warnte er den Betreffenden vorsichtig zu sein. Oft ging er bei Dunkelheit über die Felder ins Pfarrhaus, um sich mit dem Pfarrer zu beraten.

Nach dem Krieg wurde ich in Heppenheim von den Amerikanern zu bestimmten Aufgaben herangezogen, weshalb ich häufig zu Besprechungen in der Militärregierung sein musste. Als ich im August im Büro eines US-Offiziers saß, kam ein Mann aus Nieder-Liebersbach, der schon immer gerne Bürgermeister gewesen wäre, ohne mich zu erkennen, in das Zimmer und unterhielt sich mit einem anderen Offizier. Ich hörte mit halben Ohr sofort, dass er von seiner Gemeinde sprach und etwa folgendes sagte: „Ich bin von Nieder-Liebersbach, wir haben einen Bürgermeister, das ist ein Nazi, der muss weg.“ So rasch wie möglich beendete ich mein Gespräch, fuhr mit dem Fahrrad über Hemsbach zum Onkel Adam und erzählte ihm mein Erlebnis. Doch der blieb fast unberührt und sagte nur: derselbe war 1933 bei der NS-Zentrale in Rimbach und sagte dort: „Wir haben einen Bürgermeister, der ist ein Schwarzer, der muss weg.“ Von Seiten der US-Regierung erfolgte damals nichts gegen den Verleumdeten, der damals als Nachfolger von Bürgermeister Jeck (der wohnte in der Vorstadt, war gehbehindert und quälte sich täglich mit seinem Stock zu seinem Amtszimmer in der „Kleinen Schule“) gewählt worden war.

Über die Pflanzen und Tierwelt ist weniger zu sagen, sie war reicher als heute. Es war leicht die 15 Pflanzen und Kräuter für den Würzwisch zu sammeln, der an Maria Himmelfahrt mit in die Kirche genommen wurde. Auf Getreidefeldern gab es noch Hamster, der Fuchs holte in der Zeit, zu der er Junge hatte „auch einmal ein Huhn vom Hof“, wie bei den vordersten Helmlings, der Habicht (Stößer) ein Huhn in der Wiese wie bei Mülberts auf der Insel. Den Pirol konnte man im späten Frühjahr im Schelmental hören. Rauchschwalben nisteten unter dem Dachvorsprung an der äußeren Hauswand. Fledermäuse sah man in der Dämmerung einmal g hat ein anderer Junge eine mit einer Nadel erlegt. Der Kauz galt als Totenvogel; er rief, als Nachtvogel durch das Licht im Krankenzimmer angelockt, oft in der Nähe des Fensters.

Die Elstern und Rabenkrähenplage hielt sich in Grenzen, vielleicht auch deshalb, weil zur Brutzeit die jungen Burschen in den Wald gingen, Atzeln und Krabben ausheben.

Nachbemerkung: Den vorstehenden Text habe ich am 24.10.2001 von Herrn Dr. Otto Wagner für ein Heimatbuch „Nieder-Liebersbach“ persönlich auf dem Rathaus in Birkenau erhalten. Sollte ein Heimatbuch in absehbarer Zeit nicht zu Stande kommen, sollte ich den Text nach Gutdünken verwenden. Dies tue ich hiermit, die Plattform „liebersbach.wiki“ erscheint mir hierfür sehr geeignet.

Günter Körner, Birkenau, den 2. Februar 2015