Kunstblumenmanufaktur Helth

 

Kunstblumen aus Nieder-Liebersbach in die Welt verschickt.

(Text: Volker Buser)

Die nachfolgenden Informationen und Daten wurden dankenswerterweise für „liebersbach.wiki“ von Reinhard Helth und Monika Schmittinger zusammengetragen.

Die Kunstblumen aus Nieder-Liebersbach wurden ua. nach Australien, Amerika, England, Frankreich, Österreich, Italien zur Dekoration, für Mode und als Brautschmuck aus dem vielfältigen Sortiment vom Familienbetrieb Maria und Erich Helth exportiert und an unzählige Kunden in Deutschland verschickt.

Kunstblumen haben eine reichhaltige und vielseitige Geschichte, die sich über Jahrhunderte und viele Kulturen erstreckt. Die Geschichte erzählt von den alten Zivilisationen bis hin zur Moderne.

Im antiken Rom wurden die Blumen aus Wachs, Leinen und Schilf gefertigt. In China hingegen wurden die Blumen aus Seide gefertigt. Seite war ein wertvolles Material und die Chinesen verwendeten es, um künstliche Blumenarrangements zu kreieren, die als Symbol für Reichtum, Schönheit und Prestige galten. Im 19. Jahrhundert hatte sich der Handel mit künstlichen Blumen zu einer globalen Industrie entwickelt. Heute noch werden in Sebnitz künstliche Blumen in traditioneller Handarbeit hergestellt. Dieses Handwerk ist, schon seit 1834 in Nordböhmen zu Hause. Sebnitz liegt zwischen der sächsischen Schweiz und dem Lausitzer Bergland. Sebnitz wurde um 1900 das Zentrum der deutschen Kunstblumen-Herstellung. Zu dieser Zeit gab es über 200 kleinere und größere Blumenfabriken mit fest angestellten Arbeiter /innen und darüber hinaus Tausende von Heimarbeiter/innen. Der Ausbildungsberuf zur Kunstblumen Facharbeiter/in war sehr gefragt

 

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Wie kam die Kunstblume nach Nieder-Liebersbach?

Unsere Eltern, Erich und Maria Helth geb. Schelzig, kommen aus dem schönen böhmischen Niederland. Sudetendeutsche, wie der Volksmund sagt. Sudetendeutsche ist der Begriff für die deutschsprachige Bevölkerung, die historisch in den Grenzgebieten des heutigen Tschechiens lebte und eine Bevölkerungsgruppe deutscher Abstammung bildete.

Geboren wurde Erich Helth 1923 in Hilgersdorf. Als gelernter Kaufmann arbeitete Erich Helth im Krämerladen seiner Eltern.

Maria Helth, geb. Schelzig, wurde in Margaretendorf (heute Marketa), ein Ortsteil von Obereinsiedel (heute: Dolní Poustevna), im damals deutschen Landkreis Schluckenau, geboren. Seit dem 19. Jahrhundert war das böhmische Nieder Einsiedel wie das benachbarte sächsische Sebnitz ein Zentrum der Produktion von Kunstblumen. Nach der Vertreibung der deutschen Einwohner und der kommunistischen Machtübernahme 1948 wurden die vielen kleinen Werkstätten im Staatsunternehmen Centroflor zusammengefasst. Über 3000 Mitarbeiter waren zu jener Zeit mit der Kunstblumenherstellung in Dolní Poustevna beschäftigt. Nach 1989 brachen die Absatzmärkte für die Kunstblumen recht rasch weg, so dass die Firma Centroflor liquidiert wurde. Der Landkreis Schluckenau bestand in der Zeit zwischen 1938 und 1945 aus 6 Städten und 14 Gemeinden und Ortschaften. Als gelernte Blumenfacharbeiterin war Maria Helth in einer Kunstblumenfabrik in Sebnitz bis Kriegsende beschäftigt.

Nach Kriegsende 1945 wurden alle Sudetendeutschen vertrieben.

Grundlage für die kollektive Vertreibung und Entrechtung von Deutschen und Ungarn bilden die sogenannten Benes-Dekrete. Am 11. Mai 1945 gaben der Präsident Edvard Benes und sein späterer Nachfolger, Minister Klement Gottwald, eine öffentliche Erklärung ab. Darin heißt es: „Wir müssen unser Land von allen Deutschen kulturell, wirtschaftlich und politisch reinigen!“

Nach dem Erhalt der Ausweisungspapiere, im September 1946, mussten sich alle deutschen Bürgerinnen und Bürger aus dem Landkreis Schluckenau in Sammellagern einfinden. Darunter auch Maria und Erich Helth mit ihren zwei kleinen Kindern, Helga, 1 Jahr alt, und dem 4 Wochen alten Baby Reinhard sowie den Großeltern von Erich Helth.

In Viehwagen verladen mit dem, was sie tragen konnten, wurden sie über Eger nach Westdeutschland transportiert. Sie kamen in ein durch Krieg verwüstetes Deutschland und wurden mit zerstörter Infrastruktur konfrontiert. Im Zentrallager Auerbach angekommen, wurden sie in verschiedene Ortschaften im Ried, im Odenwald und an der Bergstraße aufgeteilt. Familie Helth wurde nach Nieder-Liebersbach zugeteilt. In Nieder-Liebersbach wurden sie zunächst für kurze Zeit im Gasthaus „Zur Rose“ einquartiert. Ihre nächste Unterkunft war in der Bauerei Ehmann in der Hauptstraße. Wegen der engen Platzverhältnisse musste nach einer anderen Unterkunft gesucht werden. In der Sulzbacher Straße 6 fand die Familie im ehemaligen Schulhaus mit ihren kleinen Kindern ihr Zuhause. Für ihren Lebensunterhalt mussten sie selbst sorgen, was in der damaligen Zeit nicht so einfach war. Hinzu kam ein extrem kalter Winter und eine dadurch resultierende Hungersnot. Der Winter 1946/47 ging ua. auch als Hungerwinter in die Geschichte ein.

Im Frühjahr 1947 bekam Familie Helth von der Gemeinde Nieder-Liebersbach im Espenloch ein kleines Feld zugewiesen, dass sie zur Selbstversorgung bebauen durften. Erfolglos gestaltete sich jedoch die Suche nach einem Arbeitsplatz. In der gleichen Notlage waren auch die anderen heimatvertriebenen Familien nicht nur in Nieder-Liebersbach.

Durch die in der Heimat erlernten Kenntnisse und Erfahrungen und dem engen Zusammenhalt kam Erich Helth mit seiner Frau Maria die Idee, hier im Odenwald eine Kunstblumen-Fertigung aufzubauen. Der Gedanke ließ sie nicht mehr los. Beide kannten ja bis in kleinste Detail alle notwendigen Schritte der Fertigung aus ihrer vorherigen Tätigkeit, beide wussten ja ganz genau, welche Hilfsmechanismen notwendig waren und welche Materialien benötigt wurden, um Kunstblumen herzustellen. Jetzt galt es die Ärmel hochzukrempeln, Pläne zu schmieden und alles dringend Notwendigste zu beschaffen, um einen Anfang zu organisieren, in diesen sehr schwierigen wirtschaftlichen Zeiten.

Maria und Erich Helth waren sehr gläubige Christen und hatten von den ersten Tagen in Nieder-Liebersbach an einen sehr guten und vertrauensvollen Kontakt zum damaligen katholischen Pfarrer Herrn Franz Xaver Müller. 1949 gab Pfarrer Franz Xaver Müller dem Ehepaar Maria und Erich Helth die Räumlichkeiten der Sakristei von der katholischen Kirche St. Wendelin zu nutzen, um dort die ersten Kunstblumen in Nieder-Liebersbach herzustellen. Verschiedene Stoffe, Draht, Wolle, Färbesubstanzen mit Zubehör, Formen, Stanz- und Prägewerkzeuge, die zur Herstellung von künstlichen Blumen, Blättern und Früchten dienen, wurden besorgt und angeschafft. Maschinen für den Fertigungsprozess und zur Herstellung von Wollballais wurden von Herrn Bundschuh aus Nieder-Liebersbach angefertigt. Zuverlässig übernahm Herr Bundschuh auch die Instandhaltung und Wartung der Maschinen und wenn notwendig auch die Reparatur. Die ersten Erzeugnisse waren Früchte, Wachsblumen und Wollballais, die ersten Stoffblumen waren Erika und Maiglöckchen.

Durch finanzielle Unterstützungen und Bürgschaften aus der Ortsbevölkerung konnte schließlich, außerhalb der Gottesdienstzeiten unermüdlich und zielstrebig produziert werden.

Zu den Mitarbeiter/innen der ersten Stunden zählten:

Franz und Frieda Müller mit den beiden Töchtern Waltraud und Hildegard

Johann und Anna Schierz mit Josef sowie

die Eltern Johann und Maria Helth

Die Stoffe und die Wolle wurden vom Chef, Erich Helth, persönlich eingefärbt. Die Grundfarbe der Stoffe ist immer weiß. Je nach der Stoffart wurde nach individuellem Farbrezept eingefärbt. Für die größeren Mengen gleich eingefärbter Stoffe wurde die Stabfärberei angewandt. Dabei wurden Stoffbahnen (Stäbe) auf Holzrahmen gespannt und bestrichen oder der Stoff wurde erst getaucht und dann zum Trocknen auf die Rahmen gespannt. Die Handfärberei umfasste viele verschiedene, mit der Hand ausgeführte Techniken, um möglichst individuelle Farbgebungen zu erreichen. Hier war Fingerspitzengefühl und viel Erfahrung gefragt, denn beim Färben reagiert jeder Stoff anders auf die Farbe und ihren Verlauf. Nach dem Trocknen wurden die Stoffbahnen in Lagen gelegt (12er, 24er). Es wurde in Dutzend gezählt, bevor sie zum Ausschlagen kamen. Dabei wird der mehrlagige Stoff auf den Ausschlageklotz gelegt. Mit der einen Hand wird das entsprechende Stanzeisen aufgesetzt, mit dem Holzhammer in der anderen Hand per einem kräftigen Schlag ausgeschlagen. Jahre später übernahm eine Motorstanze diese Handarbeit bzw. das Ausschlagen. Die ausgeschlagenen Stücke konnten dann aus dem Stanzeisen entnommen werden. Wellen und Rippen bekamen die glatten bzw. flachen Stücke erst in der Prägemaschine durch ein Prägeeisen. Die Stoffteile wurden dabei einzeln zwischen einem heißen Unterteil und einem kalten Oberteil eingesetzt und über ein Fußpedal mechanisch zusammengepresst. So bekamen die Teile die typische Prägung, wie sie auch in der Natur zu sehen ist. Aus den einzelnen Blüten und Laubblättern, Draht und Blüten-Staubgefäßen entsteht am Ende die fertige Blüte. Die Weiterverarbeitung der einzelnen Teile, zu den verschiedenen Artikeln, wurde nicht nur in den Produktionsräumen der Familie Helth, sondern auch in Heimarbeit ausgeführt.

1955 konnte die Firma Helth den Neubau in der Sudetenstraße beziehen, wobei man sich erheblich auf die moderne, aber auch modische Weiterentwicklung in Europa und der Welt einstellen konnte. Jetzt standen große Räume zur Verfügung. Die Tätigkeitsbereiche konnten erweitert werden und neu entstehende Arbeitsplätze wurden geschaffen und besetzt. Das Stofflager konnte mit Stoffen wie Samt, Seide, Taft ergänzt werden, Pailletten, Federn, Chenille und vieles andere konnte angeschafft und gelagert werden. Viel Platz nahm die Färberei mit ihren vielen Utensilien, Farbsubstanzen, Reagenzgläsern, Schüsseln, Pinsel etc. und nicht zu vergessen die vielen Mappen mit den Farbrezepten und einem Trockenofen ein. Die Stabfärberei war in einem separaten Raum untergebracht. Ein großer Tisch mit Abrollstange diente zum Lagen legen und Ablängen der Stoffbahnen. Der Ausschlageklotz mit dem großem Holzhammer war umrahmt von Regalen und Schränken mit den vielen Formen von Stanz- und Prägeeisen. Alles bekam seinen geordneten Platz.

Einige Jahre später wurde eine Motorstanze angeschafft, fünf Stanzmaschinen und zwei Laubpressen aufgestellt. Zwei Maschinen für Wollballais waren in den Räumen der Firma Helth und drei weitere Maschinen für Wollballais bei Heimarbeiterinnen außer Haus.

Das „Blümeln“, Fertigstellen der verschiedensten Artikeln wurde in zwei Räumen der Firma Helth durchgeführt. An großen Tischen arbeiteten bis zu 15 Frauen in Voll- und Teilzeit. Zur Erleichterung des Ranken- und Kranzbinden wurden einige Jahre später eine Bindemaschine aufgestellt. Ein Arbeitsplatz zur Zusammenstellung, zum Falten und Heften der verschiedensten Kartonagen und zum Zuschneiden des Seidenpapiers wurde eingerichtet. Im Packraum wurden die fertigen Artikel sorgfältig von Hand für den Versand in aller Welt verpackt.

In den 50er Jahren wurden die Pakete mit Leiterwagen nach Reisen zum Bahnhof gebracht. Kleinere Sendungen wurden auch in Liebersbach bei der Post abgegeben. Mit dem Pferdefuhrwerk brachte Herr Kadel größere Sendungen zum Abfertigen für den Versand ins Ausland zum Zollamt nach Weinheim. In den 60er Jahren übernahm dies die Firma Getrost. 1965 absolvierte Erich Helth erfolgreich seine Führerscheinprüfung. Danach übernahm der Firmenchef selbst, mit einem dafür angeschafften VW Bus, diese Aufgabe.

Nach erfolgreich abgeschlossener Ausbildung zur Kauffrau stieg 1963 Frau Helga Beck, geborene Helth, in die Firma ein und leitete zusammen mit ihrem Vater Erich Helth die Geschicke der Kunstblumenfabrik.

1975 entstand, durch einen Kurzschluss in der Motorstanze, ein Brand, der die Firma schwer traf. Ein Übergreifen des Brandes auf das Wohnhaus konnte durch den schnellen Einsatz der Feuerwehr und der vielen Helfer aus der Nachbarschaft, verhindert werden. Zu diesem Zeitpunkt wollten Maria und Erich Helth aufgeben und die Firma schließen. Nur dem intensiven Zuspruch, dem engen Zusammenhalt und der finanziellen Unterstützung der Familie und dem beispielhaften Unterstützen von Johann und Flora Endler, Schwester und Schwager von Maria Helth, ist es zu verdanken, dass es nicht zur Schließung kam. Nach dem Wiederaufbau zogen sie in die Wohnung über dem Fabrikräumen ein, halfen und unterstützten unermüdlich. Familienangehörige als auch die Angestellten der Firma packten mit Fleiß und Ehrgeiz bei den Aufräumarbeiten mit an. Die Räume wurden gestrichen, die Stanz- und Prägeeisen wieder instandgesetzt, die Farbrezepturen neu geschrieben und ergänzt. Es war eine arbeitsintensive und anstrengende Zeit. Und doch hatte sich die Mühe gelohnt, schon im Frühjahr 1976 konnte die Arbeit in den wieder hergestellten, neu gestrichenen Räumen aufgenommen werden. Alle, die mitgeholfen haben, waren sichtlich stolz auf ihr eigenes Geleistetes.

Die Firma wuchs. So waren in den 80er Jahren bis zu 25 Mitarbeiter/innen in der Firma beschäftigt, auch Familienmitglieder. Viele Frauen, besonders Hausfrauen aus Nieder Liebersbach, fanden dankbar hier einen Voll- oder Teilzeitjob. Aufträge in Heimarbeit wurden ebenfalls sehr gerne von den Hausfrauen angenommen. Die Beschäftigten aus dem Ort kannten sich und das familiäre gute Betriebsklima war die beste Voraussetzung für die kollegiale und qualitativ hochwertige Arbeit und Produkte.

Neben den 25 in der Firma beschäftigten Mitarbeiter/innen fanden insgesamt 40 Heimarbeiterinnen, verteilt in Nieder-Liebersbach, an der Bergstraße, Odenwald und im Ried eine Nebenbeschäftigung. Im Allgäu wurde außerdem noch eine kleine Firma übernommen. Einmal wöchentlich fuhr der Chef mit seinem Schwager Hans Endler und Schwiegersohn Erich Beck die Heimarbeitertour im Ried, Odenwald und an der Bergstraße, um die fertige Arbeit abzuholen und neue Arbeit mitzubringen. Gleichzeitig wurde der Arbeitslohn ausgerechnet und ausgezahlt.

Die Bemusterung der verschiedenen Artikel wie Hutschmuck, Ansteckblumen, Kommunion- und Brautschmuck, Advent und Weihnachtsartikel, Dekoartikel für Schokoladenfirmen oder für Schaufenster, Wollballais, Grabschmuck uvam. lag in den bewährten Händen von Maria Helth. Um gegen die Konkurrenz aus Fernost bestehen zu können, musste die Kollektion modisch, exklusiv und mit hoher Qualität gefertigt werden und darüber hinaus flexibel, um Kundenwünsche erfüllen zu können. Trotz allem verstand sie es immer wieder, einzigartige Arrangements von Seitenblumen und vielen diversen Modeaccessoires zu entwerfen.

Einmal im Jahr, aber auch nach Terminabsprachen, besuchte Erich Helth in Begleitung seiner Söhne Reinhard oder Hans oder dem Schwiegersohn Erich Beck mit den entworfenen Kollektionen die Kunden in der Schweiz, Österreich, Frankreich und Italien.

Abnehmer der Kunstblumen aus Nieder-Liebersbach waren nicht nur in Deutschland sondern in aller Welt. Die Kunstblumen aus Nieder-Liebersbach wurden nach Australien, Amerika, England, Frankreich, Österreich, Italien zur Dekoration, für Mode, Brautschmuck aus dem vielfältigen Sortiment vom Familienbetrieb Maria und Erich Helth exportiert. Aus gesundheitlichen und Altersgründen haben Maria und Erich Helth im Oktober 1991 die Firma geschlossen.

Ein Überbleibsel von der Kunstblumenfabrik Erich und Maria Helth ist in der katholischen Kirche Sankt Wendelin in Nieder-Liebersbach noch zu sehen. Die Lilie, welche die Gottesmutter in der Hand hält, hat Maria Helth gebunden.